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Clickbait-Bingo: die maximale Showeinlage mit dem Wörtchen „komplett“

  • Autorenbild: Reiner Makowsky
    Reiner Makowsky
  • 7. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Juni


Heute wird dein wund-getriggerter Mentalkörper von einem inflationär gebrauchten Adjektiv erlöst. Das sind gute Nachrichten! Denn je mehr du über Clickbait weißt, desto immuner wirst du gegenüber dem aggressiven Schund und seinen Langzeitfolgen – der Dauerverblödung und ihren Taten: der Fehlpositionierung unserer Inhalte.

komplett ...

Ein besonderer Augenblick: Der Beitrag ist fertig und es wird Zeit für seine Krönung mit dem Wörtchen „komplett“: „Helga eskaliert komplett“, die „Drei Dinge aus Japan, die dich komplett umhauen“ und „Frank Rosin rastet KOMPLETT aus!“ Ein richtiges Wahnsinnswörtchen dieses „komplett“. Hollywood will wahrscheinlich nicht, dass du es nutzt. Fast schon filmreif wird es für Inhalte verklebt. Immer dann, wenn aus Sicht von Content-Kreatoren Entsetzen, Überfordern oder Sprachlosigkeit vonnöten sind. Und das ist gar nicht mal so selten der Fall.

  • Yacht-Desaster: Robert Geiss eskaliert komplett! 🤬💥

  • Dieser VW sorgt für Gänsehaut! Karmann Ghia 2026 komplett neu enthüllt

  • Nach dieser Pause wird das Wetter KOMPLETT WILD


Die Clickbait-Kakerlake – von Übermedien so getauft [Q1] – hat sich längst in alle Ecken der Feeds gewanzt. Aber was leistet sie dort überhaupt? Das ist gar nicht so klar: Streicht man etwa das Wort „komplett“ aus den Headlines, wirken sie zwar etwas zivilisierter – wie alles ohne Clickbait. Mehr Aussagekraft haben sie dennoch nicht. Ohne die komplette Übersteigerung ist die Belanglosigkeit der Inhalte nicht mehr zu kaschieren:

  • Drei Dinge aus Japan, die dich umhauen

  • Dorf-Restaurant vs. Stadt-Café - Helga eskaliert komplett!!!!!

  • Dieser VW sorgt für Gänsehaut! Karmann Ghia 2026 neu enthüllt


Jedes hirnlose Verhalten, jeder unglaubwürdige Blödsinn und jede noch so bescheidene Enthüllung können mit „komplett“ vollständig überdehnt werden. Es suggeriert, man könne Inhalte bereits vor dem Klicken einschätzen: Das wird krass – was auch sonst? Dem Content mangelt es ja an Substanz und nicht am ökonomischen Gespür seitens der Kreatoren. Das lässt die Machart der Clickbait-Konstruktionen schon erkennen. Ohne Verstärkung kommt die nackte Substanzlosigkeit nicht aus. Leider ist uns der selektive Blick dafür größtenteils abhandengekommen.

In dumpfer Unbewusstheit wischen wir durch die Feeds und lassen uns von brutaler Mittelmäßigkeit beeindrucken ...

komplett übersehen

Nicht die Sprache ist extremer geworden. Weder die Fakten dichter und auch die Perspektiven stellen sich heute nicht absoluter dar. Die Art, wie Informationen an uns herangetragen werden, hat sich verändert. Clickbait hat den informellen Sprachraum ausgebeutet und zu einem digitalen Aufmerksamkeitsschlachtfeld umfunktioniert. Unsere ungezwungene Alltagssprache mit ihren Wendungen und unperfekten Modi wurde von den Plattformen entlehnt. Nun ist sie in dem Maße etwas wert, wie sie es in Form von zusammengekleisterten Wortgruppen am besten vermag, unsere Klick-Instinkte zu mobilisieren.

Eigentlich eine traurige Sprachentwicklung. Auch deswegen, weil die pervertierte Clickbait-Version unserer Alltagssprache so unglaublich hässlich ist. Sie ist eine regelrechte Verballhornung des Informellen, wenn man bedenkt, mit welchem strategischen Kalkül sie uns quasi-vertraute Allerweltsformulierungen vorsetzt. Zum Glück ist es gar nicht so schwer, Clickbait Headlines von sich abzuschütteln. Dafür stellt man sich wieder und wieder dieselbe – dennoch hochwirksame – Anti-Clickbait-Frage:

  Was sagt das aus?

Natürlich überhaupt gar nichts! Und das ist eine gute Erkenntnis: Der belanglose Schrott wird langsam, aber sicher immer unwichtiger.

Bitte ausprobieren!

komplett aufgeben

Nun könnte man einwenden, die Kanäle funktionieren eben so. Und wer auf diesen Content-Wühltischen mitmischen will, muss eben auffallende Inhalte liefern. Am besten solche, die es dem Verstand ermöglichen, sich ein wenig zu verkleiden und zusammen mit diesen Inhalten eine Weile in den Synapsen rumzuspuken. Leider verschiebt sich dabei nicht nur die allgemeine Realitätswahrnehmung der Viewer und Leser, sondern auch deren Wahrnehmung von unseren Marken.

Vollständig? Das kommt darauf an, welche Wörter man einsetzt. Die Gestaltung der Headlines und der Texte sollte sich an der Marke und ihren Werten orientieren – ihrer Tonalität. Und „komplett“ ist beispielsweise ein Adjektiv, das in der professionellen Kommunikation in eher zweckdienlichen, sachlichen oder objektiven Sprachkontexten zu seiner Geltung kommt. Ungefähr so:

  • Benders – das komplette Dach (Bauen und Immobilien)

  • Allreco – komplett durchdacht (Recyclingtechnik)

  • Blend-a-med – 50 Jahre Forschung für den kompletten Schutz ihrer Zähne (Kosmetik)


Oder der Klassiker:

  • Das komplette Set ist im Handel erhältlich.


Wussten wir doch alle irgendwann mal, oder? Würde man mit „komplett“ bei eher technischen Marken oder Branchen triggern, hätten deren Contentideen zumindest eine ironische Note, also tatsächlich eine Form von Stil.

  • kompletter Dachschaden: behoben! So geht's. (Benders)

  • Der komplette Bakterien-Overkill – deine Zahnpasta richtig dosieren (Blend-a-med)


An dieser Stelle steht „komplett“ in sprachlicher Resonanz mit der Marke bzw. dem Branchenkontext. Das spürt man; es schwingt mit. Wir haben es buchstäblich so abgespeichert. Zudem würden die Erwartungen der Leser und Viewer durch andere Kommunikationsmittel „komplett“ bestätigt werden. In diesen Momenten empfindet sich der Viewer oder Leser auf der Customer Journey einer Marke.

Diese Reise wird eben nicht nur über Inhalte angetreten. Die Textgestaltung ist auch wichtig.

komplett anders machen

Clickbait ist billige Effekthascherei, ohne Konzept und Stil. Lass nicht zu, dass inflationäres Sendebewusstsein in deinem Kopf seinen Platz findet: Merke dir das Wort „komplett“, um einmal weniger auf die Eloquenz der Content-Marktschreier hereinzufallen.

Schütze auch deine Marke! Wenn du selbst Elemente aus dem Clickbait-‚Wortschatz' einsetzen willst, mache es eleganter: Abonniere donnerhacks und lerne beim nächsten Bingo wieder etwas mehr über Textwirkung, Clickbait und seine Tücken.




Hinweis zur gendergerechten Sprache

In diesem Artikel wird das generische Maskulinum verwendet. Da der Redaktion das Thema dennoch am Herzen liegt, wird an dieser Stelle unterstrichen, dass alle (sozialen) Geschlechter adressiert sind. Leider ist es aus formalästhetischen Gründen weder zweckdienlich, jede Personenbezeichnung noch einige ausgesuchte zu gendern. Eine perfekte sprachliche Lösung gibt es derzeit nicht. In dem zeitnah erscheinenden Artikel „die unperfekte Ästhetik des Genderns“ reflektiert die donnerhacks-Redaktion den Genderdiskurs und gibt kreative Denkanstöße.


Quellen

[Q1] Schönauer, M. (2018) „Clickbait-Kakerlake frisst den ‚Westen‘ auf“, Übermedien, 1 August. Verfügbar unter: https://uebermedien.de/30022/clickbait-kakerlake-frisst-den-westen-auf/ (Zugegriffen: 7. Juni 2026).

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